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Geschichte

Marie Juchacz

Bildquelle: google.de

(gesprochen und geschrieben von Karin Mohr)

Teil 1 von 2

Teil 2 von 2


Am 08.03. 2026 war ich mit zwei weiteren Mitgliedern unseres OV Görlitz …

… wie jedes Jahr dabei um den Pflegekräften zum Internationalen Frauentag als Dankeschön für die schwere Arbeit im Pflegeheim Blumen und nette Kleinigkeiten zu überreichen.
Das erste was ich sah, als die  Fahrstuhltür aufging, war ein Foto von Marie Juchaz.
Marie Juchaz hat dafür gesorgt, dass es dieses Pflegeheim überhaupt gab, denn 1919 hat sie die AWO, die Arbeiterwohlfahrt gegründet.
Sie hat damit etwas ganz entscheidendes für unsere Gesellschaft geschaffen. Sie hat den Pflegeberuf ins Leben gebracht. Bisher war man auf die Mildtätigkeit und die pflegerische Kompetenz der Damen der Gesellschaft, die in ihrer freien Zeit ehrenamtlich um Alte und Kranke kümmerten, angewiesen. Hier entstand nun etwas ganz Neues, Frauen wurden in die Pflegetätigkeiten eingewiesen, ja letztendlich wurde es zu einem Lehrberuf. Man bekam Geld für die Tätigkeit und so konnten auch einfache Frauen, die nicht der gehobenen Gesellschaft entsprangen arbeiten und dabei Gutes tun.
Ja aber die Bekanntheit, obwohl  hier etwas grundlegend anderes passierte, resultierte aus einem ganz anderen Grund. Marie Juchaz wurde , nachdem das Wahlrecht für Frauen im Jahre 1919 in Kraft trat, eine der ersten weiblichen Abgeordneten im Reichstag und sie war die erste Frau, die im Reichstag, der in Weimar tagte, eine Rede hielt. Unvergessen ihre Ansprache an das Auditorium „Sehr geehrte Herren, sehr geehrte Damen“. Die männlichen Mitglieder des Parlaments lachten und nahmen die wenigen gewählten Frauen nicht ernst.
Kurzum, es war kein Zuckerschlecken und ein Großteil der Kraft ging für die Anerkennung, dass Frauen denken können drauf.
Dabei war der Weg in die Politik kein Vorbestimmter. Am 15.März 1879 in Landsberg/Warthe geboren und in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen, war für die Bildung weder Zeit noch Geld vorgesehen, Marie und ihre Schwester lernten das Schneiderhandwerk , Marie heiratete sogar ihren Lehrmeister, bekam zwei Kinder. Beide Frauen hatten – heute würden wir Hobby sagen – eine Vorliebe für Diskussionen, konnten sich aber nicht so ausleben, wie sie es wollten, denn zu der Zeit gab es noch das Versammlungsverbot für Frauen.
Die Ehe von Marie und ihrer Schwester war allerdings nicht von Dauer, 1906  wurde die Ehe geschieden und so entstand der Wunsch bei beiden Schwestern, nach Berlin zu gehen. Glücklicher Weise wurde das Versammlungsverbot für Frauen aufgehoben und die Schwestern konnten sich auf vielen Diskussionsveranstaltungen beteiligen und als 1907 endlich gesetzlich erlaubt wurde, dass
Frauen in Parteien und Organisationen Mitglieder werden durften, traten sie der SPD bei, dort waren sie gerngesehene Diskutanten. Sie haben sich beide immer wieder weitergebildet und so wurden ihre klugen Ansichten auch gerne gehört.
In diesem neuen Leben war es aber trotzdem von Vorteil, dass sie sich durch ihr erlerntes Handwerk selbst ernähren konnten, aber es hat dann auch nicht lange gedauert, bis die SPD auf die Frauen aufmerksam wurde und aus dem Hobby für Marie Beruf und Berufung wurde. Von 1913 bis 1917 war sie Parteisekretärin für Frauenfragen in Köln. Das besondere dran war, dass sie nicht nur mit sozialdemokratischen oder demokratischen Frauenverbänden tätig  wurde, nein, sie schloss Frauenverbände jeder Couleur zusammen, ein absolutes Novum. Durch die Spaltung der SPD in USDP und MSPD hat Friedrich Ebert (MSPD) sie zur Nachfolgerin von Clara Zetkin , die zu der USPD gewechselt war, ernannt. Sie ist nun Frauensekretärin im Zentralen Parteivorstand.
1919 gründet sie die AWO, deren Vorsitzende sie bis 1933 bleibt.
1919 ist auch das Jahr, in dem Frauen wählen und gewählt werden dürfen.  Von den ersten 37weiblichen ist Marie Juchaz eine davon. Eine weitere war ihre Schwester Elisabeth Kirschmann-Röhl die bereits 1930 an den Folgen einer Verletzung  durch Nationalsozialisten gestorben ist.  Beider Fokus lag besonders auf dem Gebiet der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, der Abschaffung des heute leider noch bestehenden Paragrafen 218 und der politischen Neuordnung nach dem Sturz des Kaiserreiches hin zur demokratischen Republik. Anlässlich des SPD Parteitages, der 1921 in Görlitz stattfand, nutzte sie die Gelegenheit, nochmal die Gelegenheit, den Widerstand gegen den seit 50 Jahren bestehenden Paragrafen 218 zu beleben. Sie hielt eine flammende Rede und wies mit ihren Mitstreiterinnen darauf hin, dass nicht das „unmoralische Leben “ der Frauen, die abgetrieben haben, der Grund dafür waren, sondern bittere Armut. Im gleichen Jahr fand die erste große Konferenz der AWO ebenfalls in Görlitz statt.
Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten musste sie um zu überleben ins Saargebiet fliehen und 1935 weiter nach Frankreich. Als die Nationalsozialisten auch in Frankreich einfallen, kann sie ein Notvisum ergattern und landet in New York.  1945 gründet sie dort „Arbeiterwohlfahrt USA – Hilfe für Opfer des Nationalsozialismus“ und sendet über diese Organisation nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Hilfspakete nach Deutschland. 1949 kehrt Marie Juchaz aus dem Exil zurück nach Deutschland. Die AWO ernennt sie zur Ehrenvorsitzenden.  Am 28. Januar 1956 ist sie in Düsseldorf verstorben und wurde in dem Grab ihrer Schwester auf dem Kölner Südfriedhof beigesetzt.

Kriegsende 1945 in Görlitz

Bildquelle: google.de

(gesprochen von Michael Prochnow)